1. Motive für die Namensgebung

der hat unsere Kinder frei gemacht“ (Bohnenkamp 1949, S. 16f.), so äußerte sich einmal ein Vater, befragt nach seinen Erfahrungen mit dem `Lehrer Adolf Reichwein´. Diese Aussage ist wohl mit das größte Kompliment, das man einem Pädagogen aussprechen kann, und gleichzeitig auch eines der erstrebenswertesten Ziele einer jeden Erziehung. Ergo rücken folgende Fragen ins Blickfeld: „Wie hat Reichwein das geschafft?“ und vor allem „Können wir von ihm lernen und Elemente seiner Arbeit heute in unserer Arbeit mit den Heranwachsenden verwirklichen?“ Die Antwort auf die zuletzt gestellte Frage lautet, gleich vorweggenommen, klar: Ja! Je tiefer wir uns mit Reichwein und seinem `Wie´ beschäftigen, je deutlicher kristallisiert sich heraus, dass seine Grundideen ohne Zweifel ebenso wie sein praktisches Wirken an Aktualität und Bedeutsamkeit nichts verloren haben. Kinder frei zu machen und sie damit ernst zu nehmen bleibt eine die Zeiten überdauernde zentrale Aufgabe von Schule und Gesellschaft, der wir uns in der Grundschule Meudt auch durch die Namensgebung AdolfReichwein-Grundschule mit Überzeugung stellen!    

2. Folgerungen der Namensgebung für die konkrete Praxis

Ebenso deutlich wird bei all´ unseren Recherchen, dass wir, sprich in diesem Falle das Kollegium der Adolf Reichwein-Grundschule in Meudt, nun nicht alle zu `kleinen Reichweins´ mutieren bzw. seine Arbeit kopieren können. Das wäre seinen Idealen geradezu gegenläufig, weil wir dann selbst nicht mehr `frei´ wären. Aber die Umsetzung pädagogischer Schwerpunkte von Reichweins Wirken zeigt sich sehr schnell als realisierbar und stellt in heutiger Bildungs-Welt geradezu eine Notwendigkeit dar, auch und gerade in der Grundschule. Je früher Kinder in Schaffens- und Lernumgebungen mit ebenso lebendigen, humanen, demokratischen, angstfreien, motivierenden Lehrerinnen und Lehrern agieren können, je nachhaltiger und wirkungsvoller ist der Erfahrungsschatz, auf den mit zunehmenden Jahren und Begegnungen immer weiter aufgebaut werden kann. Außerdem brauchen Kinder Vorbilder, die ihnen im Gewirr der Zeit beim Entwickeln der eigenen Identität helfen. Reichwein kann für sie zu solch einem Vorbild werden, da er authentisch das gelebt hat und für das eingetreten ist, was dem Leben dient, - konsequent, bis zur eigenen Hinrichtung.  

Rückt man Reichweins Kerngedanken seiner pädagogischen Arbeit

                                                     „Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf um so leichter.“ 
                                                                          (Reichwein in Amlung, Jungbluth 2000, S. 12)


in den Mittelpunkt der Überlegungen zur konkreten Umsetzung, so entwickeln sich die Folgerungen für das eigene Agieren fast wie von selbst. Willy Brandt sagte einmal: „Es ist wichtiger, etwas im kleinen zu tun, als im großen darüber zu reden.“ Auf der Grundlage dieser Aussage möchten wir die folgenden spät-reformpädagogischen Ideen, die Reichwein in seiner Dorfschule in Tiefensee/Brandenburg umsetzte, zwar nicht kopieren, aber – reflektierend auf unsere konkrete Schul-Wirklichkeit mit ihren Kindern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern abgestimmt - leben und verfolgen:                  

3. Aufbau und Nutzung einer Lernwerkstatt zum Bereich Natur und Umwelt  

Für unsere eineinhalbzügige Schule mit 120 Kindern und 10 Lehrerinnen und Lehrern, nahe an Feldern und Wald gelegen, hat sich aufgrund zweier, im Folgenden aufgeführten Zitate Reichweins neben der Leseerziehung im Besonderen der Bereich `Natur und Um-Welt´ als sinnvolles Aufgabengebiet herausgestellt. Dieses schließt automatisch die eben unter Punkt 2 genannten sozialen, inhaltlichen und methodischen Intentionen  - wie in Reichweins Pädagogik – intrinsisch mit ein und ermöglicht darüber hinaus eine erfahrungsreiche Zusammenarbeit zwischen Adolf Reichwein-Grundschule in Meudt, Eisenbachtal-Grundschule in Girod, Adolf Reichwein-Studienseminar in Westerburg und der Universität in Koblenz.  

Reichwein schrieb:
„Da wir heute schon wieder jenseits des Irrglaubens leben, daß Technik eine Befreiung von der Natur sein und Erfindung die Empfindung ersetzen könne, wissen wir, daß die Technik ... niemals den Bindungen des Natürlichen entfliehen darf, weil sie auf die Dauer nicht entfliehen kann. Wir denken nur richtig, wenn wir innerhalb der uns aufgegebenen Sache denken. ... Mit ihr (der Natur) gemeinsam zu leben, ist unser Schicksal. Leben wir gegen sie, so lässt die Rache, trotz Maschine und künstlichem Dünger, trotz durchdachtester Kiefernforstung, nicht auf sich warten. Reizen wir die Natur zur Gegenwehr, so unterliegen wir immer.“ (Reichwein in Klafki 1993, S. 50).  

„Alles Schaffen empfängt seine tiefen Anregungen aus der Natur. Es ist an Rhythmus gebunden, weil die Natur sich dem Schaffenden rhythmisch offenbart. Der natürliche Jahreskreislauf spiegelt sich in der Schöpfung zwischen Herbst und Wiederherbst ...“ (ebd.).  

Von diesen beiden Zitaten bewegt und bereits mit positiven Erfahrungen aus Fachseminaren zum naturbezogenen Lernen - in Anlehnung an die Pädagogik Reichweins in der Adolf Reichwein-Schule in Meudt und in der Eisenbachtal-Grundschule in Girod, mit der wir kooperieren - gestärkt, bauen wir einschließlich unseres Hausmeisters, der sich sehr engagiert, eine Lernwerkstatt zu Natur und Um-Welt innerhalb und außerhalb unserer Reichwein-Grundschule auf. Im Zentrum stehe damit die Grundlebenselemente: Wasser, Feuer, Luft und Erde.

Die bisherigen Arbeiten/Projekte, welche auszuführen den Rahmen des Textes sprengen würde, weswegen nur punktuelle Einblicke gegeben werden können, ermöglichen den Kindern, Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern, Lehrerinnen und Lehrern sowie Studentinnen und Studenten im Praktikum konkrete Selbsterfahrungen an aktuellen, echten Problemstellungen, die die Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ernst nehmen und von hier aus zu gemeinschaftlicher, intensiver, eigenständiger wie effektiver Arbeit mit entsprechendem bildungswirksamem Lernzuwachs führen. Ein solches haut- und natur-nahes Er-leben und Be-greifen bewegt tief und nachhaltig wie der das kurze Schulporträt abschließende Text von Christa Theis verdeutlicht. 

Eine erste projektorientierte Aktion mit der in der Schule fest eingerichteten, jahrgangsübergreifenden Umwelt-AG, in der sofort mit der Hand geschaffen wurde und wird, lautet „Wir bauen Nisthilfen und Tierwohnungen“ (für Vögel, Igel, Ohrwürmer, Florfliegen, Bienen, Fledermäuse, Schmetterlinge und Marienkäfer). Die Vogel- „Nistkästen, im Winter vorsorglich gebaut, sammeln eine Vogelschar“ (Reichwein in Klafki, 1993, S. 53) und weitere Tiere, „deren Lebenskampf und Lebensaufbau, bis zum spätsommerlichen Abzug der jungen Generation, fast täglich neue Möglichkeiten bietet, zu beobachten, zu fragen und festzustellen.“  Das Pflegen und Erhalten der Nisthilfen gehört ebenso dazu wie das Bestimmen der Vogelarten, Erstellen einer `Vogelarten-Bestimmungsecke´ mit Vogelpräparaten, Nestern, Eiern, Abbbildungen, Informationstexten, Spielen, Kassettenauf-nahmen etc. im – leider viel zu kleinen – Lernwerkstattinnenraum, der zudem als Förderraum und Elternsprechzimmer genutzt wird. Exkursionen in Wald und Flur mit einem Vogelexperten und Eltern bereichern und erweitern die Erfahrungs- und Lernräume.

Ein weiteres Aufgabenfeld unserer Natur-Lernwerkstatt bildet – in Zusammenhang mit von der Dorfgemeinschaft zur Kartoffelanpflanzung bereitgestellten Feldern - der Schulgarten, der mit dem Bau eines Gewächshauses bereichert wird. Reichwein erklärt:

Der Umgang mit der Natur während der warmen Jahreszeit stellt die Werkaufgaben, in denen die Beobachtung kristallisiert, ganz von selbst. Mit der ersten Frühlingssonne stoßen wir im Gewächshaus auf die Anfänge des Keimens und Wachsens, einfache Bodenanalyse und Düngungsversuche bilden den Ausgangspunkt für die Beobachtung der Pflanze auf ihr Verhalten zur Umwelt. Der offene Schulgarten bietet ein selbstverständliches Ergänzungsfeld. Keimversuche führen zu den grundlegenden Einsichten in den Ernährungskreislauf der Pflanze. ... Durch die eigenen Pflanzversuche stoßen wir dann zu den ersten Fragen der Pflege und Züchtung, der pflanzlichen Lebensgemeinschaften unter sich und mit dem Menschen. Und mit der Pflanze tritt zugleich das Tier in den engsten Bereich des Menschen. ...“ (Reichwein in Klafki, 1993, S. 53).

Im Insektenhotel und durch die Nisthilfen sollen die Kinder Leben ermöglichen, beobachten, dokumentieren, bestaunen, Ekel abbauen, Rhythmen und Lebenskreisläufe erkennen, um von `kleinen Lebewesen/Gemeinschaften/Staaten´ ausgehend größere Zusammenhänge/Systeme verstehen zu können.
Was mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist, wird `unter die Lupe genommen´ und mit dem Mikroskop sichtbar gemacht. Erweitert man daraufhin das Blickfeld mit Teleskop und weiter beim `Sternengucken´ kann der Weg zum verständnisvollen `über den Tellerrand hinausschauen´ nicht eindrücklicher geebnet werden (Idee von Dr. Uli Jungbluth).

Erziehungserfolg ist personenabhängig. Ein Kind braucht Beispiel und Liebe. Es merkt sehr schnell, ob es jemand aufrichtig ernst meint oder nicht, ob es wirklich Vertrauen haben kann und offen sein darf. Stimmen diese Faktoren nicht, nutzt die beste Methodenvielfalt, der beste Unterricht nichts.
Deswegen begleiten uns, das Kollegium, ebenfalls natur- und haut-nahe Fortbildungen, wie kürzlich z. B. eine mit dem Naturschutzreferenten der ADD, Manfred Braun. An diesen Veranstaltungen können nach Absprache auch interessierte Kinder, Eltern, Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter sowie Praktikantinnen und Praktikanten teilnehmen.

Abschließen möchte ich das Schulporträt mit dem Text einer ehemaligen Lehramtsanwärterin, Frau Christa Theis, den sie nach einer gemeinsamen Veranstaltung des Fachseminars Grundschulpädagogik mit Umwelt-AG-Kindern zum naturbezogenen Lernen in Anlehnung an die Pädagogik Reichweins verfasst hat:  

„ ... schreiben Sie einen kurzen Text über ihre Eindrücke ... Einen kurzen Text? Aber wo zum Salatkopf fängt der kurze Text an? Und am Ende schlimmer noch: wo hört er auf, der kurze Text?
Setzt er seine ersten grünen Buchstaben am steinumfangenen Schulgarten in den feuchten Grund? Beginnt er bei den zitronig duftenden Melissenkräutern, dem dunkelgrünglänzenden Mangold, dem zartblättrigen Estragon, den stämmig strotzenden Mohrrüben, dem geheimnisvoll-unscheinbaren Tombinambur? Schreibt er sich weiter zur umsummten Gartenarche am sonnenheiß-steinigen Mäuerchen? Durchs trockene Gras hin zum Wildbienennest und zum Krötenhügel, seinem Namen zum Trotz kein Hügel aus Kröten ...
Vielleicht kratzt er, der kurze Text, mit seiner Feder über den bunten Schulhof und verharrt. Ein Schulhof? Ach, mehr als das!
Ein Rutsch-versteck-entdeck-spiel-kletter-Blumen-Hof-Gelände! Und ab ins Schulhaus und die Treppe hinunter und ins Eingemachte. Soll er, der kurze Text, von dem erzählen, was sich hier spröde „Lernwerkstatt“ nennt – und so viel bietet? Bücher, sich hinein zu versenken, Kästen zum Entdecken und Betrachten, Werkzeuge zum Forschen und Arbeiten, Bilder, Zeichnungen, Federn, Nester, Steine, und, und, und ...
Aber nein, wahrscheinlich soll der Text vom Nachmittag erzählen! Von den Kindern, die die Großen Staunen machten. Ihnen Wegesrand und Wald erklärten. Mit Lust und Herz und Verstand Neues erlebten, entdeckten, erfuhren, lernten.
Genau, das soll er sein, der kurze Text: ein kleiner Ausschnitt aus dem Sirren der Luft, dem Staub auf der Straße, den Steinen unter den Füßen, der Neugierde der Kinder und ihrer ernsten Wissbegierigkeit. Ein Ausschnitt, in Plexiglas gefasst, der Grashüpfer und Heupferde ganz groß macht, der das Zirpen der Zikaden zeigt, „Christi Blut“ rötlichbraun am Finger, nackte Füße in kühlem Schlamm, Tasten im stillen Wald und Kichern, wenn ein zarter Ast das Bein kitzelig streift.
Und das soll er sagen, der kurze Text: wie überdeutlich die grünen Buchstaben ihre Spur hinterlassen. Auf dem Papier. Und im Herzen sowieso ... .“      
 

Literaturverzeichnis  

Amlung, Ullrich, Jungbluth, Uli: Seminarwerkstatt Offener Unterricht – am Beispiel Adolf Reichweins lernen. Studientexte für das Lehramt, Bd. 3, herausgegeben von Eiko Jürgens, Neuwied, Kriftel 2000; hier: Amlung, Ullrich: Historisierung >>Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf um so leichter<<.  

Bohnenkamp, Hans: Gedanken an Adolf Reichwein. (= Pädagogische Studien. Schriftenreihe der Pädagogischen Hochschulen Niedersachsens, H. 1). Braunschweig, Berlin, Hamburg 1949.  

Reichwein, Adolf: Schaffendes Schulvolk – Film in der Schule. Die Tiefenseer Schulschriften – Kommentierte Neuausgabe. Herausgegeben von Wolfgang Lafki, Ullrich Amlung, Hans Christoph Berg, Heinrich Lenzen, Peter Meyer, Wilhelm Wittenbruch, Weinheim und Basel 1993.    


Hinweise zu Zitaten  

Alle `Reichwein-Zitate´ wurden kursiv gedruckt, damit sie schneller auffindbar sind. Bei manchen Zitaten steht die Autorin bzw. der Autor ohne Literaturangabe, da die Quelle unbekannt ist.  
   

Angstfreie Erziehung zu


-  Freiheit
-  Selbstbestimmung / Eigenverantwortlichkeit
-  sozialer Verantwortung und Toleranz
-  Einsatzbereitschaft und Zivilcourage
-  aus Neugierde und nicht aus Noten-Druck erwachsendes projekt- und problemorientiertes, ganzheitliches, entdeckendes, forschendes Werkstatt-Lernen mit Haut/Hand, Herz und Kopf
-  soziales Lernen, differenzierendes, jahrgangsübergreifendes Helfersystem, Sorge für Kinder mit individuellem Hilfs-/Förderbedarf 
-  Lernen außerhalb des Klassenzimmers bzw. Werkstattraums, auf dem Schulgelände, in der Natur, auf              Schulwanderungen, mit Experten etc., also hinein ins `richtige Leben´
-   Feste, Schulfahrten und Exkursionen als Höhepunkte im Schul-Leben-Mitgestalten von Dorffesten
-   Einsatz neuer Medien
-   Freie Angebote des Leseclubs und der Umwelt-AG, die rege von den Kindern wahrgenommen werden    
 

Schulprofil

Neues Panorama 2bb1
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